Einblicke

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (Röm 15,7)

Es gibt Dinge, die sind eigentlich so offensichtlich und eindeutig, dass man meint, dass es eigentlich gar nicht lohnt, viele Worte darum zu machen. So soll schon auf der Verpackung eines Bügeleisens der Hinweis gestanden haben, dass die Kleidung während des Bügelvorganges nicht getragen werden sollte. Und die Käufer eines Föns wurden darauf hingewiesen, das Gerät nicht beim Schlafen zu benutzen. Es erschließt sich im Fall des Bügeleisens und des Föns eigentlich kaum, wozu solche Hinweise dienlich sein sollten. Erst, wenn  man weiß, dass in Gerichtsverfahren bisweilen hohe Schadenssummen gezahlt werden müssen, weil der Verbraucher auf eine bestimmte Gefahr nicht hingewiesen wurde und deshalb auf kuriose Weise zu Schaden kam (soweit ich weiß, passiert so etwas aber eher in den USA).

Die Jahreslosung für das Jahr 2015 gehört zu den Dingen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Zumindest auf den ersten Blick. Einander annehmen. Das sollte ja eigentlich nicht so schwierig sein. Doch schwierig wird es immer dann, wenn mein Verhalten dem Vorbild, das Jesus uns gegeben hat, entsprechen soll. Das Verhalten zu welchem mich die Jahreslosung auffordert, ist ein Verhalten der Annahme. Und zwar Annahme von Menschen und Verhaltensweisen, auch wenn diese nicht meiner eigenen Auffassung entsprechen. Darum ist sie es wert, bewusst gesagt und gehört zu werden.

Das Vorbild für solches Verhalten hat uns Jesus gegeben. Jesus hat die Menschen angenommen, die sonst nicht von vielen angenommen wurden, sein Handeln war nicht davon geprägt, was andere Menschen über eine Person denken mochten, sondern ihm war die Person selber wichtig. Gegenseitige Annahme, so wie Jesus sie (vor)gelebt hat, scheitert aber schon dort, wo wir Menschen schon im Voraus mit einer verurteilenden Haltung begegnen. Sei es wegen einer gemeinsamen persönlichen Vorgeschichte. Oder weil jemand etwas anderes glaubt oder eine andere politische Meinung hat. Oder weil sein oder ihr Verhalten nicht meinen Vorstellungen von Moral und Ethik entspricht. Einen Menschen anzunehmen misslingt mir dann meist deshalb, weil ich ihn vorschnell auf diese Eigenschaften reduziere, die mich provozieren.

Die Forderung, welche die Jahreslosung an uns stellt, wird für mich darum zu einer HerausForderung. Denn sie verlangt von mir, meine Komfortzone zu verlassen, mir bewusst zu werden, wo mir mein eigenes Ego im Weg steht und mich vielleicht auch einmal zu überwinden. Denn wirkliche Nähe kann nur dort entstehen, wo sich zwei Menschen aufeinander zu bewegen. Es ist lohnenswert, diese Herausforderung anzunehmen, denn wir wissen, dass wir Menschen zur Gemeinschaft miteinander geschaffen sind. Wir wissen aber auch, wie schwierig das Miteinander von Menschen oft sein kann. Nicht umsonst ist uns in der Jahreslosung als Beispiel und Vorbild nicht einfach irgendwer angegeben, sondern Jesus.

Dort, wo es gelingt, dass Menschen sich annehmen, so wie Christus uns angenommen hat, da entsteht Gutes. Da können sich lange eingeschliffene Meinungen ändern und da können Beziehungen heil werden. Dort, wo das gelingt, da ist Gott zu loben.

Micha Soppa